Winkelfehlsichtigkeit (Heterophorie)

von Michael Koenig
12 September 2022
Sehschwaechen

Winkelfehlsichtigkeit, auch Heterophorie genannt, beschreibt eine Fehlsichtigkeit der Augen, die ein latentes, nicht sichtbares Schielen auslöst. Es besteht eine Fehlstellung der Augen, die sich häufig durch das Tragen einer sogenannten Prismenbrille korrigieren lässt. Erfahren Sie im Folgenden, was Winkelfehlsichtigkeit im Detail bedeutet, wie sie sich bemerkbar macht und welche Optionen zur Behandlung es gibt.

Was bedeutet Winkelfehlsichtigkeit?

Die Winkelfehlsichtigkeit bedeutet laut dem Augenoptiker und Dozenten an der Berliner Fachschule für Optik und Fotografie, Hans-Joachim Haase, eine Störung des beidäugigen Sehens, die sich in einem Bildlagefehler äußert, da die beiden Sehachsen voneinander abweichen (1).

Genauer genommen agieren die Augen Betroffener leicht asynchron. Während bei gesunden Augen beim Sehen ein zentrierter Punkt synchron auf die Makula (Stelle des scharfen Sehens) des Auges trifft, ist das Zusammenspiel der Augen bei Personen mit Winkelfehlsichtigkeit ungenau. Die Augenmuskulatur muss in diesem Falle jeweils ein Auge immer wieder aktiv steuern und unter großem Kraftaufwand die Fehlstellung korrigieren. Es entsteht ein leichtes Schielen. Dieses ist jedoch meist nicht direkt erkennbar, häufig ist daher die Rede von einem „versteckten Schielen“ (1).  Es wird angenommen, dass die Winkelsichtigkeit ein Ungleichgewicht der Augenmuskeln beider Augen zur Ursache hat. Etwa weil einer der Augenmuskel zu lang ist, oder Innervationsstörungen (Störung der Nervenversorgung) der Augenmuskeln bestehen.

 

Winkelfehlsichtigkeit und Heterophorie im Kontext

Bei einer Winkelfehlsichtigkeit handelt es sich um eine Art der Heterophorie. Heterophorie ist somit als Überbegriff für – je nach Messmethode – Winkelfehlsichtigkeit oder latentes Schielen zu verstehen. Der Begriff der Winkelfehlsichtigkeit (auch als „assoziierte Heterophorie“ bezeichnet) wird verwendet, wenn eine Heterophorie mittels MKH (Test mit Fusionsreizen) gemessen wurde. Latentes Schielen lässt sich in diesem Zusammenhang auch als „dissoziierte Heterophorie“ bezeichnen. Es zeigt sich durch die vollständige Trennung des Binokularsehens, welches das beidäugige Sehen durch sensorische und motorische Kordination des rechten und linken Auges meint. (2)

 

Wie äußert sich eine Winkelfehlsichtigkeit?

Damit das Augenpaar Betroffener nicht schielt, versucht es den Sehfehler konsistent durch einen Mehraufwand im muskulären und Nervenimpuls-Bereich zu kompensieren. Dies bedeutet einen dauerhaften Kraftaufwand, der verschiedene Symptome auslösen kann. Diese können von Person zu Person variieren. Zu beachten ist außerdem, dass mit der Winkelfehlsichtigkeit häufig auch weitere Sehschwächen oder Erkrankungen des Auges einhergehen. Folgende Symptome, im Zusammenhang mit Winkelfehlsichtigkeit auch asthenopische Beschwerden genannt, sind häufig:

  • Kopfschmerzen
  • schwere Augenlider
  • gereizte Augen, die gerötet sind, tränen und/oder schmerzen
  • häufiges Erschöpfungsgefühl
  • Unsicherheit beim räumlichen Sehen
  • Schwierigkeiten beim Einschätzen von Entfernungen
  • Lichtempfindlichkeit
  • Wahrnehmen von Doppelbildern, besonders im Nahbereich
  • allgemeines Unwohlsein
  • Schwindelgefühl
  • Verspannungen im Nackenbereich
  • Auftreten von Doppelbildern

Winkelfehlsichtigkeit diagnostizieren

Da sich eine Winkelfehlsichtigkeit nicht immer direkt bemerkbar macht, ist es häufig recht schwierig, diese zu erkennen und untersuchen zu lassen. Um eine Winkelfehlsichtigkeit zu diagnostizieren, sind entsprechende Tests durchzuführen, bei denen das Zusammenspiel und die Koodination der Augen untersucht werden.

Der Augenoptiker Hans-Joachim-Haase hat hierfür in den Fünfzigerjahren ein spezielles Verfahren entwickelt, die „Mess- und Korrektionsmethodik nach Hans-Joachim Haase“, kurz MKH. Mit dieser Methode lässt sich ein Verdacht auf Winkelfehlsichtigkeit bestätigen oder widerlegen.

Die Messung erfolgt durch ein rein optometrisches Verfahren, das auf polarisierenden Filtern basiert. Das Ziel ist es, die Seheindrücke des linken von denen des rechten Auges zu trennen. Der MKH Sehtest läuft wie folgt ab:

  1. Der Patient wird gebeten auf ein Testbild zu blicken, das sich aus zwei Balken zusammensetzt, die jeweils Licht in unterschiedlichen Wellenlängen ausstrahlen.
    Der waagerechte Balken strahlt X-Wellen ab, der horizontale Balken Y-Wellen. Beim normalen Betrachten mit beiden Augen, erkennt der Patient hier ein Kreuz.
  2. Im nächsten Schritt wird dem Patienten ein Brillenglas vor das linke Auge gesetzt, das ausschließlich X-Wellen durchlässt. Das Glas absorbiert die Y-Wellen des horizontalen Balkens. Beim Schließen des rechten Auges kann der Patient mit dem linken Auge durch das Brillenglas nun lediglich den waagerechten Balken sehen.
  3. Anschließend wird dem Patienten ein weiteres Brillenglas vor das rechte Auge gesetzt, das nur Y-Wellen durchlässt. Sieht der Patient nun mit beiden Augen durch die Brillengläser und nimmt dabei das Kreuz als verschoben wahr (entweder ist der waagerechte oder der senkrechte Bogen optisch zur Seite gerutscht), ist er von einer diagnostizierten Winkelfehlsichtigkeit betroffen.

Winkelfehlsichtigkeit: die Behandlung

Sollte ein Augenarzt oder Optiker beim Patienten eine Winkelfehlsichtigkeit feststellen, ist im nächsten Schritt mit einem Facharzt zu klären, wie sich die Fehlsichtigkeit behandeln lässt.

Korrektur durch Prismenbrille

Meist lässt sich eine Winkelfehlsichtigkeit durch den Einsatz einer Prismenbrille korrigieren. Eine Prismenbrille bricht die von einem Objekt ausgehenden Lichtstrahlen so, dass der Patient das Objekt richtig und nicht verschoben wahrnimmt. Die erforderliche prismatische Wirkung einer Prismenbrille lässt sich in der Einheit cm/m ausdrücken und mithilfe des MKH-Verfahrens ermitteln.

 

Winkelfehlsichtigkeit durch Operation korrigieren?

Häufig fragen sich Betroffene, ob sich eine Winkelfehlsichtigkeit auch durch das Lasern der Augen beheben lässt. Da es sich jedoch um keine direkte Erkrankung des Augapfels, sondern eine Fehlstellung der Augen handelt, lässt sich die Winkelfehlsichtigkeit nicht operativ durch einen Lasereingriff beheben.

Quellen

(1) Kochniss, C. (2012). Winkelfehlsichtigkeit und ihre Auswirkungen, In Wulff, J. Winkelfehlsichtigkeit: Ein Sammelband. Idstein: Schulz-Kirchner Verlag.

(2) Goersch, H. (1995). Winkelfehlsichtigkeit – das Meßergebnis der MKH. https://www.optometrie-siegen.de/wp-content/uploads/2018/03/Goersch_NOJ_12-95.pdf (Abgerufen am 12.07.2022.)

Häufige Fragen

Wie entsteht eine Winkelfehlsichtigkeit?

Eine Winkelfehlsichtigkeit entsteht durch eine leichte Fehlstellung der Augen, die ein ungenaues Zusammenspiel der Augen zur Folge hat. Die Augenmuskulatur muss in diesem Falle jeweils ein Auge immer wieder “aktiv” steuern und die Fehlstellung unter hohem Kraftaufwand korrigieren.

Was kann man bei einer Winkelfehlsichtigkeit tun?

Die derzeit einzige Möglichkeit, um eine Winkelfehlsichtigkeit zu korrigieren, ist das Tragen einer Prismenbrille.

Kann man eine Winkelfehlsichtigkeit operieren?

Da es sich bei der Winkelfehlsichtigkeit nicht um eine Erkrankung des Augapfels an sich, sondern um eine allgemeine Fehlstellung des gesamten Auges handelt, lässt sich die Winkelfehlsichtigkeit bislang nicht operativ durch einen Lasereingriff permanent behandeln.